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Die Romantik der Inklusion

Frederik Rüppell redet Klartext – und das nicht nur, weil sein Arbeitsplatz bei ‚Klar-TEXT‘, dem Büro für Leichte Sprache der PLSW, ist. Selbstbewusst und offen erzählt er aus einem Leben, in dem seine Beeinträchtigung nicht alles zulässt, was er gerne tun möchte, von seiner Arbeit, die er absolut erfüllend findet, und auch von der „Romantik der Inklusion“.


Er stammt von Hugenotten* ab, irgendwann geflohen aus Frankreich. Deswegen, erläutert Frederik Rüppell, werde sein Nachname auch auf die französische Art ausgesprochen. „Rüppell“ mit Betonung auf dem „e“. Seinen Namen auf „Rüpel“ zu reduzieren, sei zwar unter Kollegen ein beliebter Witz. Dass er aber genau das überhaupt nicht ist – das wissen alle sehr gut, die den jungen Mann kennen.

So, wie von den Hugenotten, erzählt er auch von vielen anderen Dingen mit großer Sachkunde und drückt sich dabei gerne gewählt aus. Dann wundert es nicht, wenn er im Interview irgendwann den Satz einschiebt: „Ich bin sehr wortgewandt.“ Allerdings setzt er gleich nach: „… trotz meiner Wortfindungsstörung.“ Das, sagt er, komme von seiner Epilepsie. Sie lasse ihn manchmal länger nach dem richtigen Wort suchen, das ihm doch eigentlich schon auf der Zunge liege.

„Ich bin sehr wortgewandt.“

Seine Wortgewandtheit ist es, die ihm an seinem Arbeitsplatz hilft. Dort geht es darum, jedes Wort, jeden Satz abzuwägen und in eine Sprache zu bringen, die möglichst jeder verstehen kann.

Gebrauchsanleitungen und Handbücher, Formulare und Fließtexte – nahezu alles, was umständlich und kompliziert formuliert ist, bekommt das Büro Klar-TEXT aus der PLSW auf den Tisch, um es in eine Sprache umzuformen, die auch Menschen mit einer Leseschwäche verstehen können. Diese, sagt Frederik Rüppell, seien aber nicht die einzigen Leser solcher Texte. Er hat auch schon von studierten Menschen gehört, die gerne auf Leichte Sprache zurückgreifen, wenn sich ihnen der Inhalt eines juristischen Schriftstücks einfach nicht erschließen will.


„Wenn ihr es nicht versteht, haben wir Mist gebaut!“

Solche Gespräche genießen sie alle. Weil sie dort nicht als „Menschen mit Beeinträchtigungen“ und als solche, die anders sind, an dem Tisch sitzen, sondern weil sie alle gleichberechtigt ihre Meinungen und Erfahrungen einbringen können. „Wir Kollegen können mitbestimmen“, sagt Frederik Rüppell und hebt besonders hervor, dass sie auch dann an diesem Tisch sitzen und mitreden können, wenn Kunden da sind. So stellt er sich Inklusion vor. An vielen anderen Stellen, kritisiert er, sei Inklusion zwar ein gut gemeinter Wille, aber noch lange nicht auf gutem Weg.

Er weiß aus eigener Erfahrung, wie lang der Weg sein kann, zu sich selbst zu finden und das tun zu können, was erfüllt und Spaß macht – auch mit einer Beeinträchtigung. Schon im Alter von sieben Jahren wurde er auf ein Internat in Hannover geschickt. Dort sollte er unter „seinesgleichen“ den bestmöglichen Schulabschluss erlangen. Fünf Jahre lang sah Frederik Rüppell seine Familie nur in den Ferien und am Wochenende. Seinen Eltern nahm er die Entscheidung, ihn in das Internat zu bringen, anfangs sehr übel. Dann sei ihm nach und nach aber bewusst geworden, dass er viel selbständiger wurde, nun, da er nicht mehr ständig am Rockzipfel seiner Mutter hing. Mittlerweile ist er ihr dankbar für die Entscheidung.

Seine Schule von damals trägt mittlerweile den Namen Mira-Lobe-Schule – und hat ihr Konzept vor einigen Jahren komplett neu aufgestellt. Heutzutage, erzählt er, würden dort nicht mehr wie noch zu seiner Schulzeit ausschließlich Kinder mit Beeinträchtigungen unterrichtet. Stattdessen gebe es „gemischte“ Lerngruppen. Keine Klasse habe mehr als zehn Schüler. Da gelinge Inklusion!

Ganz anders sehe es an anderen Schulen aus. Er habe von Schulen gehört, in denen Klassen mit rund 30 Schülern üblich sind. Sei in ihnen beispielsweise ein Kind mit autistischen Zügen, könne der Lehrer überhaupt nicht so auf dieses Kind eingehen, wie er es sich wünsche - zu wenig Zeit und keine sonderpädagogische Zusatzausbildung.

Wenn Politik Inklusion voranbringen wolle, dann sei das gut und schön, meint Frederik Rüppell. Leider würden die Regeln aber oft von Menschen aufgestellt, die wenig von Menschen mit Beeinträchtigungen wüssten. Er nennt das, was daraus entsteht, die „Romantik der Inklusion“.

Frederik Rüppell hat in mancherlei Beziehung mehr Glück gehabt als andere. 15 Jahre hat es zwar gedauert, bis er eine Tätigkeit fand, die ihn erfüllt. Aber dort ist er jetzt angekommen.

Die Auswahl für ihn, nachdem er die Schule abgeschlossen hatte, war nicht groß. Für ein Jahr kam er in die Berufsfindung in einer Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche und erlebte dann für ihn prägende 14 Jahre in Werkstätten der PGB, wo er in der Montage und Metallverarbeitung im Einsatz war. Seine motorische Lernbehinderung machte ihm dort häufig einen Strich durch die Rechnung. Nicht alles konnte er sofort vom Kopf in die Bewegung umsetzen – was ihn oft unglücklich sein ließ. 2005 wurde zusätzlich eine Epilepsie bei ihm diagnostiziert, die durch Fotosensibilität ausgelöst werden kann. Die Einschränkungen, die er dadurch hat, trägt er jedoch mit Humor: „Also ich könnte nicht so einfach in die Diskothek gehen. Sonst würde ich da Breakdance tanzen“, sagt er schmunzelnd.

Sein Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und nach anspruchsvolleren Aufgaben, bei denen seine Stärken zur Geltung kommen, blieb aber bestehen.


„Ich habe schon immer gerne mit dem Kopf gearbeitet“

Lesen und schreiben – das sind Stärken, die er hat und er sagt: „Ich habe schon immer gerne mit dem Kopf gearbeitet.“ Diese Stärken und Interessen nutzt er, seit er ein Praktikum im Büro Klar-Text machen konnte. „Das war die richtige Entscheidung. Es hat gepasst, wie aus dem FF“, sagt er.

Auch wenn Frederik Rüppell mit seinem Leben zufrieden ist, beobachtet er doch sehr genau, wie Inklusion sich um ihn herum entwickelt. Um von dieser „Romantik der Inklusion“ zu Ergebnissen zu kommen, die allen Beteiligten helfen und nützen, meint er, sei es noch ein weiter Weg und an vielen Stellen müsse gearbeitet werden. Dafür mag er sich weiter einsetzen – ob in der Werkstatt oder in anderen Bereichen seines Lebens.


Das Interview mit Frederik Rüppell haben Nina Maar und Silvana Meyer geführt.

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