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Sei doch einfach HEP!

Heilerziehungspflege als Ausbildung – das unbekannte Berufsbild

Wer weiß schon, was ein HEP ist? – „Niemand!“, sagen Janika Frohreich, Leona Tatge und Laura Michel spontan. Nun ja, niemand wohl doch nicht. Der Beruf, den die drei jungen Frauen gelernt haben und der eigentlich „Heilerziehungspfleger“ heißt, abgekürzt seine ganz eigene – absolut berecht- igte – Dynamik erfährt, ist aber doch noch immer relativ unbekannt – weswegen sie von ihrem Werdegang zum HEP erzählen wollen.

„Bei der Erziehung muss man etwas aus dem Menschen herausbringen und nicht in ihn hinein.“ Friedrich Fröbel, der Begründer des ersten Kindergartens, hat das gesagt. Ein Bild Fröbels und dieser Ausspruch hängen in großen Bilderrahmen an der Wand des Gruppenraums der „Fachschule für Heilerziehungspflege und Heilpädagogik“ der PLSW, in dem die drei Frauen sich zum Interview getroffen haben.

„Die Tafeln sind ganz neu“, hat ihnen ihre Schulleiterin Nena Blaume eben gesagt, als sie die Tür aufschloss, „In den anderen Räumen sind noch viel mehr davon.“ Viel mehr von dem, was an Pädagogik vermittelt wird in dieser Schule. Freude und Stolz klingen bei Nena Blaume mit. Schließlich ist „ihre“ Schule wieder um ein Element bereichert worden.

Der Charakter dieser Schule wird schon mit der kleinen Szene deutlich: Man identifiziert sich mit der Einrichtung, man kennt sich, man redet miteinander, man nimmt Veränderungen wahr und die Schulleiterin sorgt sich um das Wohlergehen der kleinen Gruppe und zieht noch schnell eine Schiebetür zu, weil ein kleinerer Raum für solch ein Gespräch atmosphärisch doch besser geeignet ist.


Familiär, klein, gemütlich

Das sind Attribute, die die Frauen in den folgenden zwei Stunden gelegentlich der Schule zuschreiben. „Ihrer“ Schule, das sehen auch sie so, und obwohl sie alle diese Schule bereits mit einem Abschluss als HEP verlassen haben, drücken sie noch weiter die Schulbank: Alle drei sind sie nun in der Ausbildung zu Heilpädagogen. Zweieinhalb weitere Jahre Schule, dieses Mal berufsbegleitend. Jede von ihnen hat eine Ganztagsstelle als HEP, dennoch kommen sie, wenn auch manchmal etwas müde, an zwei Tagen nach der Arbeit zum Lernen auf das Gelände der PLSW und tummeln sich dort gelegentlich auch noch für einen Samstag. Weshalb sie das tun? Weshalb sie als HEP arbeiten und einen weiteren Abschluss obendrauf legen wollen? – Weil ihnen ihre Arbeit Spaß macht! Mit Menschen mit Beeinträchtigungen zu arbeiten, das haben sie alle gemerkt, ist einfach ihr Ding. Als ihre Schulzeit sich dem Ende entgegen neigte, haben sie davon allesamt noch nichts geahnt…

Janika Frohreich hatte das Abitur in der Tasche, entschied sich für ein Studium der Philosophie und Spanisch auf Lehramt, merkte ziemlich schnell, dass das doch nicht ihren Vorstellungen entsprach – und stand etwas ratlos da. Ein Bekannter machte etwas, das sich „HEP“ nannte, arbeitete „irgendwas mit Menschen“. Eine Fachschule dafür gab es in ihrem Heimatort Stadthagen. Mehr oder weniger auf blauen Dunst bewarb sie sich. Etwas musste und wollte sie ja tun. Und dann – war es genau das Richtige!

Ihre Praktika im dualen System der HEP-Ausbildung machte Janika Frohreich zuerst in einem Kindergarten der PLSW. Da während der Ausbildung mindestens einmal die Praktikumsstelle gewechselt werden muss, wechselte sie irgendwann in das Wohnhaus der PLSW an Stadthagens Ostring.


Große Herausforderungen

„Davor hatte ich echt Respekt“, sagt sie. Nicht mehr mit Kindern, sondern mit Erwachsenen zu arbeiten, mit dem Fokus auf dem Erhalt der Selbstständigkeit dieser Menschen, und außerdem aus dem geregelten Tagesablauf des Kindergartens in den Schichtdienst zu wechseln – das empfand sie als große Herausforderungen. Das bange Gefühl hielt nicht lange an. „Das war Klasse!“, sagt sie im Nachhinein. Und Rückhalt gab es schließlich in der Fachschule, wo Pädagogik, Pflege und Medizin im Mittelpunkt der Ausbildung standen und die Lehrkräfte allesamt die Berufsfelder, in denen sie unterrichten, aus eigener Erfahrung gut kennen.Vielleicht, meint Janika Frohreich, hat sie von Anfang an ihre Arbeit unbefangen gemacht, weil es doch schon in ihrer Familie Berührungspunkte gab. Eine Cousine, nahezu gleichaltrig, hat Trisomie 21.

„Da war es normal, anders zu sein“, sagt sie. Diese Cousine hat sie immer bewundert. Niemand sei so ehrlich wie sie. Ein Beispiel? – Sie sei es, die zum Opa gehe, ihm den Bauch tätschle und völlig unbefangen sage: „Opa: Dicker Bauch!“ Auch ihr Mut hat es Janika Frohreich angetan – als die Oma starb war ihre Cousine diejenige, die zur Oma ins Zimmer ging und sich verabschiedete. Solche Kleinigkeiten, Ehrlichkeit und Mut begegnen Janika Frohreich auch bei ihrer Arbeit. Das, sagt sie, mache den Wert aus.

Leona Tatge hat gemeinsam mit ihr die HEP-Ausbildung gemacht – und war ähnlich ahnungslos, als sie damit begann. Das Fach-Abitur im Bereich Wirtschaft hatte sie in der Tasche, meinte zunächst, dass Bürokauffrau eine Option sein könne, wollte dann aber doch länger überlegen und entschied sich kurzfristig für ein Jahr im Bundesfreiwilligendienst. Wegen dieser Kurzfristigkeit gab es nur noch eine kleine Auswahl an offenen Stellen, so landete sie in der „Schule Am Bürgerwald“ der PLSW.


Einfach mal ausprobieren

Sie, die vorher niemals mit Menschen mit Beeinträchtigungen in Berührung gekommen war, schwärmt von den Morgen-Kreisen mit den Kindern. „Wenn wir singen, flippen die Kinder total aus“, sagt sie lachend.

Die kleinen Dinge im Leben, die diesen Kindern so große Freude machen, selbst dann, wenn sie sie jeden Tag bekommen – das bewirkt bei Leona Tatge, dass jeder Tag dort ein guter Tag für sie ist.

Wie viel Freude solche Arbeit machen kann, das sollten noch viel mehr Menschen wissen, meint sie. Zu oft schon habe sie, wenn sie von ihrem Beruf erzählt, als Antwort bekommen: „Schön, dass du das machst, aber für mich wäre das nichts.“ Einfach mal ausprobieren, ist ihr Rezept.

„Irgendwas im sozialen Bereich!“ – Das stand für Laura Michel fest, als sie die Schule beendet hatte. Aber was? Sie gab sich wie Leona Tatge noch etwas Zeit, entschied sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und bekam eine Stelle im Therapiezentrum Mardorf, in dem Familien mit beeinträchtigten Kindern Auszeiten gegönnt werden. Heilerziehungspflegern begegnete sie dort zum ersten Mal. Von diesem Berufsbild war ihr in den Gesprächen mit Berufsberatern vorher nie etwas gesagt worden. „Aber dann wollte ich HEP werden!“, sagt sie.


Die Atmosphäre passt

Das setzte sie in der PLSW-Fachschule um und schwärmt von der Atmosphäre dort. Mit leichtem Grausen erinnert sie sich an das Jahr, das sie als Voraussetzung für die Ausbildung absolvieren musste – Hauswirtschaft und Pflege mit dem Schwerpunkt der persönlichen Assistenz. Das machte sie an einer Schule mit 1.500 Schülern – viel zu weitläufig war es ihr, viel zu wenig fühlte sie sich dort zu Hause. Das änderte sich, als sie in Stadthagen mit der HEP-Ausbildung begann, wo eine Pause bei schönem Wetter auch schon mal in kleinem Kreis auf dem Rasen verbracht wird.

Was Laura Michel nicht kannte und wovon sie nicht wusste, als sie sich für einen beruflichen Werdegang entscheiden musste, hat ihre jüngere Schwester von ihr erfahren. Die Gespräche am Küchentisch haben wohl positiv gewirkt, denn mittlerweile besucht die Schwester ebenfalls die Fachschule und will HEP werden. Mit aller Dynamik, die schon in der Abkürzung steckt, und allen Chancen, die dieses vielfältige Berufsbild bietet.

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