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This is me!

Singen, was sie bewegt. Stolz, selbstbewusst und mit diesem Wissen, etwas zu tun, was sie kann, womit sie überzeugt, was ihr großes Publikum berührt und was sehr viel mit ihr selbst zu tun hat – darauf freut sich Anne Bünker. „This is me!“ – „Das bin ich!“ Ein Song, der wie für sie gemacht ist.


Musik hat Anne Bünker schon oft in ihrem Leben geholfen. Erzählt sie von den verschiedenen Chören, in denen sie mitsingt, dann schwingt nur Positives mit. Ihren schönen Sopran hat sie schon im Kinderchor erklingen lassen, später dann in Karaoke-Shows. Bis zum zweiten Platz der Norddeutschen Karaoke-Meisterschaft hat sie es gebracht und in einer regionalen Talent-Show ganz oben auf dem Siegertreppchen gestanden.

Ihren Gesang bekommen auch viele in der PLSW zu hören – seit sie im Berufsbildungsbereich des Industrie-Service Stadthagen (ISS) zu arbeiten begann und die Möglichkeit bekam, eine arbeitsbegleitende Maßnahme mitmachen zu dürfen. Sie wählte – wie sollte es anders sein – den Theater- und Musical-Kurs. Das ist für sie eine Chance, während der Arbeitszeit zu singen. Einen weiteren Abend pro Woche nutzt sie, um in einem anderen PLSW-Theater-Kurs dabei zu sein. Theater ist zwar nicht unbedingt ihr Ding. Aber seit sie dabei ist, gab es noch kein Stück, keine Aufführung, die nicht von ihrem Gesang begleitet wurde.


Arbeit – eine Geschichte des Scheiterns

Aus anderen Lebensbereichen erzählt Anne Bünker wesentlich weniger positiv. Dann, wenn es um Schule geht und um ihr Arbeitsleben – dann sieht sie es durchweg als eine Geschichte des Scheiterns. Sie musste mehr als 40 Jahre alt werden, um dieses Scheitern zu überwinden.

„Ich war das Sorgenkind meiner Eltern“, sagt die 53-Jährige. Schon in der Grundschule hinkte sie immer im Lernstoff hinterher, brauchte für Hausaufgaben wesentlich mehr Zeit als andere Kinder, Mathe war ihr ein Graus und auch in anderen Fächern verstand sie nichts so schnell, wie es von ihr erwartet wurde. „Mit den Klassenarbeiten bin ich nie innerhalb der festgesetzten Zeit fertig geworden“, erzählt sie, „es war ganz schlimm, damals schon diesen Leistungsdruck zu haben.“

Den Hauptschulabschluss schaffte sie mit Ach und Krach, investierte viel mehr Anstrengungen als die meisten anderen. Ihre Eltern schickten sie danach auf eine Hauswirtschaftsschule. Dort gelang es ihr, trotz der Fünfer in Mathematik und Physik, den Erweiterten Realschulabschluss zu machen. Eine Ausbildung zur Krankenpflege-Helferin, eine weitere zur Masseurin und medizinischen Bademeisterin folgten.


„Viele Arbeitgeber haben gedacht, ich sei faul und doof.“

Dann kam das Berufsleben – mit vielen Arbeitsstellen, in denen sie immer wieder scheiterte. „Viele Arbeitgeber haben gedacht, ich sei faul und doof“, sagt sie. Dass es ganz andere Gründe dafür gab, dass Anne Bünker langsamer als andere arbeitete und manche Aufgaben gar nicht schaffte, stellte sich erst viel später heraus.

Träumerisch sei sie immer gewesen, habe viel in ihrer eigenen Welt gelebt. Das machte es ihr nicht leicht, Freunde zu finden, so dass sie oft allein war.
Ihre Eltern ließen sie schon im Grundschulalter auf autistische Züge untersuchen. „Es gab damals noch nicht so viele Untersuchungsmethoden“, fügt sie hinzu. So lebte sie mit der Vermutung, dass mit ihr etwas nicht stimme – und ohne die geringste Ahnung, was das Problem sein könnte.

Im Scheitern in diversen Jobs wurde ihr ihre „Unfähigkeit“ immer wieder deutlich vor Augen geführt – bis sich bei einer Arbeitsstelle ein ebenfalls dort beschäftigter Ergotherapeut ihrer annahm und zu dem Befund einer auditiven und visuellen Wahrnehmungsverarbeitungsstörung kam: Was ihre Augen und Ohren aufnahmen, kann sie nicht so schnell wie andere Menschen erfassen und umsetzen. ADS kam als Befund hinzu – das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. „In der träumerischen Variante“, sagt Anne Bünker, nicht zu verwechseln mit ADHS, bei dem Hyperaktivität das vorrangige Merkmal sei.

Genauer zu wissen, was an ihr anders ist als an vielen anderen, half ihr. Auch wenn alle negativen Erfahrungen bei der Arbeit dazu geführt hatten, dass sie mittlerweile depressiv war. „Wenn du immer wieder scheiterst, hast du irgendwann keine Lust mehr“, erklärt sie das Gefühl, das sie mit sich herumtrug.

Sie kam in psychologische Betreuung, besuchte eine Tagesklinik, kam dann in eine Maßnahme ihres Rentenversicherers, durch die sie wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden sollte. Dort hörte sie davon, dass auch für sie die Chance bestehe, in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen zu arbeiten.

„Das hatte mir vorher niemand gesagt. Ich dachte doch, die Werkstätten seien nur für Menschen mit schweren Beeinträchtigungen da!“, berichtet sie. Wie ein rettender Strohhalm kam ihr diese Aussicht vor. Nicht mehr gehänselt und als faul und doof bezeichnet werden! Sie wollte in eine Werkstatt und erreichte, dass sie bei der PLSW hospitieren konnte. Im Juli 2011 begann sie im ISS in Stadthagen zu arbeiten.

„Schwere Beeinträchtigungen“ – dass das nicht nur starke geistige oder körperliche Einschränkungen sind, sondern auch auf Verletzungen der Seele zutrifft, realisierte Anne Bünker erst nach und nach. Ein Erlebnis aus einem Klinik-Aufenthalt hat sie noch lebhaft vor Augen.Wegen ihrer Depression war sie in der Klinik, stürzte dort aber, verletzte sich am Bein und ging an Gehhilfen. „Nicht zu fassen, wie freundlich die Leute plötzlich zu mir waren“, erzählt sie. Menschen, die ihr die Tür öffneten, die sie fragten, ob sie ihr behilflich sein können. Diese Beeinträchtigung konnten alle sehen. Die Wunden an der Seele sah keiner.

Das wurde anders, als sie in die Werkstatt kam. Dort wurden diese Wunden gesehen, wurden auch ihre anderen Defizite ernst und wahr genommen und darauf eingegangen. „Viele meinen ja, eine Werkstatt sei eine Sackgasse. Aber es stehen einem alle Möglichkeiten offen!“, ist Anne Bünker überzeugt. Sie nutzt diese Möglichkeiten und ist zur echten Allrounderin geworden.


„Ich traue dir das zu!“

In Kiosk, Küche und im Verkauf und Versand von Secondhand-Büchern arbeitet sie und ist auch gelegentlich eines der Gesichter der PLSW, wenn deren Maigut-Shop auf Messen oder anderen Veranstaltungen vertreten ist.

Wo Not am Mann, beziehungsweise der Frau ist, springt sie ein. Besonders stolz ist sie darauf, dass sie auch die Kasse des Kiosks bedient. „Ich traue dir das zu“, hat ihre Gruppenleiterin ihr gesagt, als sie Angst davor hatte, in den Kiosk zu gehen, um nicht mit Zahlen umgehen zu müssen. „Das kannte ich noch nicht, dass mir jemand etwas zutraut“, erzählt sie – und ließ sich darauf ein.

Dass sie heute so vielseitig arbeiten kann, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, wenn mehr als eine Aufgabe auf einmal an sie herangetragen wird, dass sie sich sogar traut, sich mit Zahlen auseinanderzusetzen, hängt sicherlich mit dem Befund und den Therapien zusammen. In erster Linie, sagt sie, hilft ihr aber die Atmosphäre in der Werkstatt. Die Arbeit sei zwar anstrengend – aber nie, niemals werde von ihr verlangt, Dinge schneller zu machen, als sie es könne.

Zeitdruck, der ihr so oft das Leben schwer gemacht hat, gibt es dort nicht. Das Motto sei vielmehr „lieber gründlich“. Nun ist sie nicht mehr diejenige, der alles immer wieder erklärt und gezeigt werden muss, nicht mehr diejenige, der alles zu langsam von der Hand geht. Das Vertrauen, das in sie gesetzt wird, gibt ihr Mut – und so ist sie es mittlerweile, die neuen Mitarbeitern Dinge erklären, sie anleiten kann.

Sie fühlt sich wohl dort, arbeitet mit Menschen zusammen, die sie mag, fährt gerne zur Arbeit – und gehört endlich dazu. So gerne, dass sie auf dem Weg von ihrem Wohnort Rodenberg zur ISS in Stadthagen laut zur Musik singt. „This is me!“ schallt dann auch aus ihrem Wagen. Mit der gehörigen Portion Selbstbewusstsein, mit der dieser Song gesungen werden muss.

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