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Zimmer frei!

Wie viel Assistenz ist nötig? Wie viel Eigenverantwortung möglich? Auf der Suche nach der jeweils besten Wohnform für jeden Einzelnen entstehen unterschiedliche Wohnkonzepte für Menschen mit Beeinträchtigungen in der PLSW. Eines dieser Wohnkonzepte ist die 4er-WG in Stadthagens Enzer Straße. „Zimmer frei!“ hieß es dort im vergangenen Jahr.


Luca Marie Förstel öffnet aufs Klingeln die Tür und bittet in die Küche. Sie will heute von ihrer neuen Art zu wohnen und zu leben berichten. Die Küche dient als Gemeinschaftsraum der WG, ist das Herzstück in der großzügig geschnittenen Wohnung. Ein kleines Sofa ist das neueste Möbelstück, ein Fernseher hängt an der Wand. Auch an diesem Abend trifft die WG sich am großen Küchentisch mit den gemütlichen Stühlen.

Die Runde am Tisch ist etwas kleiner als an anderen Tagen, die Mitbewohnerin der beiden ist gerade nicht da. Und das vierte Zimmer steht noch leer. Demnächst kommt jemand für 14 Tage zum Probewohnen. Kann sich derjenige mit dem Konzept der WG und der Art der Assistenz anfreunden und stimmt die Chemie zwischen den Bewohnern, wird er bleiben.

Das ist die eine Sache, die diese WG zu einer besonderen macht: Die Bewohner können sich aussuchen, wer bei und mit ihnen leben darf. Nach dem Probewohnen wird entschieden: Passt der Anwärter zu uns? Und will auch er in unserer WG leben? In größeren Wohn-Einheiten ist das nicht unbedingt möglich, Die WG in der Enzer Straße ist die bislang kleinste Wohnform, die die PLSW anbietet.

Die Assistenz wird vom Team der Wohngruppe Ostring 6, vor allem von Kerstin Messerschmidt und Corina Redeker, geleistet. Montag ist der Tag, den sie sich immer frei halten für Gruppenbesprechungen. Gegen Abend trifft sich Woche für Woche die WG mit den Assistenten um sich am runden Tisch auszutauschen. Wie die Woche verlaufen ist, von Plänen, Stimmungen und Hoffnungen ist dann die Rede. Dafür ist Zeit und Raum an diesen Montagen.

An allen anderen Tagen klingeln die Assistentinnen kurz, fragen, ob alles in Ordnung ist oder ob sie unterstützen können. Zwei feste Ansprechpartnerinnen haben die Jungen, die für sie da sind – und die sie ermuntern, ihre Freiräume selbstständig zu gestalten.


Mehr Selbstverantwortung war Ray Funks Ziel

Luca Marie Förstel und Ray Funk haben beide bereits zuvor in einer Einrichtung der PLSW gelebt. Beide erzählen, dass sie zu den Jüngsten in ihren Wohngruppen gehörten.

40, 50 Jahre alt waren die meisten in Ray Funks ehemaliger WG – und hatten damit ganz andere Interessen als der junge Mann, der sich für Computerspiele begeistern kann und sich soeben ein Mountain-Bike zugelegt hat, mit dem er in den Wäldern ringsum nach sportlichen Herausforderungen sucht.

Ray Funk wollte in einer kleinen WG leben, Mitbewohner im gleichen Alter haben, mehr Eigenverantwortung für sich übernehmen und weniger Assistenz in seinem Leben.

Im Jahr 2019 hat er ein sogenanntes „Probewohnen“ in einer PLSW-eigenen Wohnung ohne weitere Mitbewohner und mit weniger
Assistenzleistung beziehungsweise Unterstützung für drei Monate ausprobiert.

„Schön ruhig“ – so hat er das Alleinsein zuerst empfunden. Schön ruhig ohne die Geräuschkulisse, die es in der Wohngruppe natürlich immer gab. Es dauerte aber nicht allzu lange, bis es ihm zu ruhig wurde. Was sollte er mit der Ruhe und seiner Zeit anfangen? Außer Musik hören und ausgiebigem Schlafen, sagt er, hätte er sich kaum noch zu etwas aufgerafft. Nun ja, zu seiner Arbeit als Gärtner und haustechnischer Gehilfe an seinem Außenarbeitsplatz sei er selbstverständlich gegangen.

In dieser Zeit hat Ray Funk für sich selbst festgestellt, dass eine eigene Wohnung mehr bedeutet, als hauswirtschaftliche Tätigkeiten, einkaufen und chillen. Austauschpartner, jemanden zum PC-Spielen, vielleicht sogar die Möglichkeit in einer kleineren WG ähnlichen Hobbies mit Gleichgesinnten nachzugehen und nicht alleine in einer Wohnung zu leben.

Als er die Anfrage bekam, ob er ein neues Wohnkonzept mitgestalten wolle, ergriff er die Gelegenheit beim Schopfe. Mit seinen neuen Mitbewohnern versteht er sich gut und freut sich darüber, dass sie viele Dinge gemeinsam und eigenverantwortlich entscheiden. Entscheiden müssen – denn wer verantwortlich ist, trifft schließlich auch Entscheidungen.


Die WG stimmte ab, jeder versorgt sich selbst

Jeder von ihnen hat ein Budget, mit dem er haushalten muss. Eine der ersten Fragen, denen sie sich in der WG gestellt haben, war die um den Kühlschrank. Wie wollten sie es handhaben? Wollten sie Geld zusammenlegen und Gemeinschaftseinkäufe machen? Die WG entschied sich dagegen. Jeder der drei Mitbewohner stimmte dafür, lieber seine eigenen Lebensmittel einzukaufen und jeder wollte weitestgehend auch selbst für sich kochen. Das alles waren auch für Luca Marie Förstel überzeugende Argumente für ihre neue WG. In der Küche und bei gemeinsamen Mahlzeiten gab es in ihrer vorigen Wohngruppe doch gelegentlich Reibungspunkte. Da gefiel es ihr viel besser, dass hier auch ihre Mitbewohner der Ansicht waren, jeder solle sich selbst versorgen. Dass ihr Zimmer dann noch ein wenig größer ist als zuvor und ein integriertes Bad hat, sind weitere Pluspunkte, die sie genießt.

So leben sie jetzt bereits drei Monate zusammen und sind alle ziemlich zufrieden damit. Auch wenn sie sich vorher kaum mehr als „vom Sehen“ kannten.

Es ist Ray und Luca Marie wichtig, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Ihre persönlichen Absprachen für das WG-Leben geben ihnen im Alltag Sicherheit, Halt und ein gutes Gefühl. Ebenso genießen sie das Wohnen mit der Assistenz, die individuell für jeden Einzelnen von ihnen notwendig ist.

Die Möglichkeiten, auch an Wochenenden, Feiertagen oder in herausragenden Lebenssituationen Unterstützung, Assistenz und Begleitung zu bekommen, sowie ein offenes Ohr, eine Tasse Kaffee oder einfach jemanden zum Reden zu haben, sind für die 4er-WG fest in ihrem Leben verankert.

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